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Der Handgiftendag

Der historische Begriff „Handgiftendag“ bedeutet sinngemäß übersetzt, dass man sich an diesem Tage die Hand reicht. Die Hand dem Freunde zum Schwur, zum Treuegelöbnis und zum Schutz- und Trutzbündnis. Wenn  Schlaraffen am Ende eines jeden Sippungsabends singen „Verbindet die Hände zum kräftigen Druck“ und dazu die Bruderkette bilden, dann ist dies ein letzter Abglanz einer uralten Zeremonie.

In früheren Jahrhunderten gab es nur wenige Menschen, die aus einem Sippenverband, aus der Leibeigenschaft oder aus einem festen Wohnplatz ausbrachen, um in der Fremde ein neues Glück zu suchen. Das war außerordentlich gefährlich, weil ihnen der Schutz der Gemeinschaft dadurch verloren ging. Die heute so scharf verurteilte Leibeigenschaft hatte damals eine andere Bedeutung, als wir ihr unterstellen. Sie bot bei der vorhandenen Abhängigkeit desgleichen Sicherheit. Ging diese verloren, befand man sich im Elend. Volkslieder und Sagen berichten uns noch heute von den Gefahren, die dann auf die Entwurzelten lauerten.

Nur zwei größere Berufsgruppen mussten zwangsläufig die Gefahren der Fremde auf sich nehmen: Das waren die Fernhandelskaufleute und die Berg- und Hüttenleute. Sie versuchten sich dadurch zu sichern, dass sie eigene Verbände bildeten, die sie Bluts- oder Schwertbrüderschaften nannten.
Diese Bruderschaften oder auch Gilden waren ein echter Schutzbund auf Gegenseitigkeit. Sie gaben sich selbst Recht und Ordnung. Zum Anführer oder Worthalter, wie der alte Begriff lautet, wählten sie sich den Besten aus ihrer Mitte. Von seinem Können hing oft genug nicht nur Verdienst oder Verlust, sondern auch häufig das Leben der Gildebrüder ab. Dies galt sowohl für die gefahrvollen Handelsfahrten als auch für die Arbeiten im Bergbau und Hüttenwesen.

Wesentlichen Anhalt des historischen Handgiftentages war es, dass die Gemeinschaft neu beschworen wurde, Absprachen für das kommende Jahr getroffen werden konnten und Aufnahmen in die Schutzgemeinschaft geschahen. Einem mächtigen Herren wurde die Schutzherrschaft übertragen oder erneuert und das gegenseitige Treueverhältnis durch einen Handschlag besiegelt. Abschluss und Höhepunkt einer solchen Tagfahrt bzw. des Handgiftentages war das gemeinsame Mahl als einem wesentlichen Ausdruck menschlichen, vertrauensvollem Zusammensein. Es war zu allen Zeiten so: Satte Menschen sind zufrieden, dem milden Tranke zugewandte glücklich und fröhlich.

 

   
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